Nora 10 Monate in Tschechien
Mal wieder ich...

Ein Monat ist es nun her, dass ich das letzte Mal von meinem Plzenleben berichtet habe. Während dieses Monats sind viele kuriose Dinge geschehen und ich  bin momentan noch etwas planlos, wo ich überhaupt anfangen soll mit meinem Bericht. Vielleicht am Anfang?! Der letzte Blogeintrag war unmittelbar vor meinem Mid-term Seminar, also heißt das in diesem Fall, dass ich genau da beginnen werde.

Das Mid-term Seminar:
Inspiration und Reflektion. Kein Schnee. Und nackte Tschechen.

Vorab zur Erklärung: Das Midterm Seminar findet gewöhnlich nach der Hälfte des Freiwilligendienstes statt und bietet Freiwilligen die Möglichkeit sich auszutauschen, Probleme zu klären, sich gegenseitig zu motivieren und zu inspirieren und gemeinsame Pläne zu schmieden.

Unser Midterm fand in Alberice statt, das ist in der Nähe der polnischen Grenze (3 km bis Polen) und befindet sich in den „Bergen“ (1200m?!). Wie schon letztes Mal angedeutet, wurde unser Seminar mit Absicht dort hinverlegt, um den vielen tollen Schnee zu diversen Wintersportaktivitäten zu nutzen. Aber Pustekuchen! Natürlich gab es dort keinen Schnee, bloß Schneeregenmatsche. Das ganze war natürlich nicht so prächtig. In Alberice fand sich dann mehr oder weniger die gleiche Truppe, die sich schon zum On-arrival Seminar getroffen hat, zusammen. Dann gab es fünf Tage Programm – es wurde erzählt, diskutiert, Vorgehensweisen präsentiert, wie man bei eventuellen Problemen handeln kann, sich über die Tschechen lustig gemacht und natürlich mal wieder unendlich viel gegessen. Ich glaube, solche Seminare finden u.a. nur deshalb statt, damit arme Freiwillige gemästet werden. Nicht wenige haben sich sowieso schon über Gewichtsprobleme beschwert. Zwei Kleidergrößen in fünf Monaten zugenommen?! Gar kein so unüblicher Fall. Dank fantastischen Genen, muss ich mir da glücklicherweise nicht so den Stress machen… Außerdem wurde das in den ersten Monaten geprobte Tschechisch angewandt und geübt und ich war echt erstaunt, dass sich neben Englisch auch noch Tschechisch zur allgemeinen Kommunikation hinzugefügt hatte. Natürlich wurde in allererster Linie Englisch gesprochen, aber dennoch kam es zwischendrin immer wieder vor, dass Tschechische Konversationen begonnen wurden.

Insgesamt war es wieder ein großer Spaß – einfach alle Leute wieder sehen und dabei merken, dass die allgemeine Gefühlslage ganz normal ist, dass mein Tschechisch gar nicht so schlecht ist und dass ich es insgesamt sehr gut getroffen hab. Wieso? Erstmal ist Plzen die fantastischste Stadt Tschechiens (haben sogar Prager zugegeben), dazu hab ich eigentlich nur gute Jobs und Arbeitsplätze, eine Menge zu tun und, im Vergleich zu manch anderem Freiwilligen, unendlich viele Kontakte. Es gab echt einige Freiwillige, die überhaupt nicht so richtig zufrieden waren – oft war die Arbeit nicht das, was sie erwartet haben, oder total langweilig, oder der Wohnort ist ein absolutes Winzkaff und die Kontaktaufnahme mit den Tschechen gestaltet sich nicht so einfach, wie anfangs gedacht.

Auf dem Seminar habe ich wirklich gemerkt, wie sehr zufrieden ich doch sein kann. Und das bin ich inzwischen eigentlich auch sehr. Ich habe sowieso das Gefühl, dass ich erst seit Anfang des Jahres wirklich akzeptiert habe, hier zu sein und hier zu leben, und seitdem geht es mir eigentlich auch richtig gut. Ich genieße es sehr, ein wenig dieser „Unmündigkeit“ entflohen zu sein – dank wenigen Tschechischkenntnissen kann ich endlich auch mal meine Meinung äußern (ok, z.T. nur sehr begrenzt, aber dennoch), Leute ansprechen und mich so definitiv viel mehr integrieren. Diese Erfahrung hier zeigt mir definitiv, wie wichtig Sprache zur Integration ist. Ohne geht es einfach nicht richtig und auf Dauer ist es echt ein scheiß Gefühl, immer „stumm“ zu bleiben – von daher, umso mehr mein Tschechisch wächst, desto mehr fühle ich mich wohl. Und das ist grade das fantastische: Jeder Tag bringt ein wenig mehr Sprache, ein wenig mehr Fähigkeit, in der Gesellschaft zu agieren und dadurch fühle ich mich jeden Tag ein wenig sicherer und wohler. Es gibt so kleine Glücksmomente hier, die mir wirklich zeigen, dass es sich lohnt, weiterzumachen, nicht aufzugeben und daran zu glauben, dass das mit dem Tschechisch und dem Zuhause-fühlen immer mehr wird. Eine Sache war z.B.: Ich war bei der Post und wollte mir Briefmarken kaufen. Dafür habe ich Briefmarken à 10 Kronen bestellt und die Frau hat mir erklärt, dass Briefe in andere Europäische Länder 11 Kronen kosten. Sehr verwirrend fand ich das! Schließlich habe ich immer 10 Kronen Briefmarken gekauft und benutzt. Deshalb habe ich mich daraufhin erkundigt, ob es einen neuen Preis gibt und die Frau hat mir erklärt, dass die Briefmarken seit dem 1.2. teurer geworden sind. Tja – manche denken jetzt, „was ein billiger Scheiß“, aber hey!, ich hab das alles auf Tschechisch geklärt. Ich war danach ganz schön stolz. Und auch, dass ich nicht mehr ständig aller Welt erklären muss, dass ich kein Tschechisch spreche, freut mich. Die merken sowieso, dass ich Tschechisch nur in Ansätzen beherrsche, aber das macht nichts, denn nur durchs Ausprobieren, Fehler machen, lernt man dazu. Und meistens sind die Tschechen dann sowieso total begeistert, denn wer lernt schon freiwillig Tschechisch?!

Ja – und nun hab ich vollkommen andere Geschichten erzählt und dabei wollte ich doch vom Seminar berichten. Also zurück zum Seminar. Da wir in der absoluten Pampa waren, war das ganze Seminar eher erholsam. Alberice besteht ungefähr aus acht Häusern und das sind eigentlich nur irgendwelche Pensionen oder Ferienwohnungen. Einen Abend aber, haben wir sämtliche Leute in eine Skibar, die extra länger für uns geöffnet hatte, geschleppt und haben dort, ich kanns leider nicht anders bezeichnen, ziemlich gesoffen. Sämtliche tschechischen Schnäpse wurden hervorgekramt und vernichtet. Dazu Pivo in Unmengen. Irgendwann tanzten sämtliche Freiwilligen zu Manu Chao, ich glaube mich daran zu erinnern, mit irgendwem Walzer (oder wars doch Polka?!) getanzt zu haben – obwohl ich das ja gar nicht kann – wir haben mit einem Tischtennisball gekickert (funktioniert mal gar nicht), es wurde stundenlang „Jungle Speed“ gespielt (amüsantes Reaktionsspiel, dass je nach Alkoholgehalt immer lustiger wird) und ganz plötzlich haben die dort auch anwesenden Tschechen Nackt getanzt. Fragt mich nicht, wie das kam, auf ein mal waren zwei nackt. Ich glaube, die meisten konnten sich kaum einkriegen vor lachen, nur Bojan, der ist fast ausgetickt und hat stundenlang auf die Tschechen eingeschrieen, sich doch bitte wieder die Hose anzuziehen. Insgesamt habe ich diesen Abend wirklich in guter Erinnerung, nur der nächste Morgen war dann nicht so erfreulich. Norakater mal wieder – ist ja klar. Nachdem ich Ewigkeiten überlegt habe, ob ich überhaupt aufstehen soll, habe ich mich dann doch irgendwann Richtung Kaffee gequält, um danach verzweifelt Menschen, mit Kopfschmerztabletten zu suchen. Blöderweise hat das nicht ganz so funktioniert, wie ich hoffte – entweder alle Freiwillige wurden so Anti-Schmerztabletten-mäßig wie ich aufgezogen, oder sie haben sie selber vernichtet. Nach dem Mittagessen haben Lene und ich dann beschlossen, uns den restlichen Teil des Programms zu knicken und sind im Bett verschwunden. Kater kurieren und so. Die anderen haben derweil einen Ausflug nach Polen gemacht – Motivationsspaziergang hat sich der Spaß genannt. Zum Glück bin ich nicht mit, meine Motivation wäre dabei nicht unbedingt gestiegen, aber dennoch fand ich es ein wenig traurig. Ich hatte so gehofft, danach behaupten zu können, in Polen gewesen zu sein. Aber nix da. Das werde ich wohl irgendwann mal nachholen müssen. Aber werd ich noch – ganz bestimmt.

Sturmfrei: Tschechische Bälle. Walzer. Langlaufen und Schneeköniginnen.

Freitag ging es dann wieder zurück nach Plzen und da hat mich ein sturmfreies Haus erwartet – Jana war Ski fahren und so konnte ich dann mal wieder ein wenig meinen Hang zum Chaos ausleben. Insgesamt habe ich jetzt eigentlich schon die dritte Woche Sturmfrei. Erst war Jana Ski fahren, dann hatte sie ihr Midterm Seminar und nun ist sie schon wieder unterwegs, in Berlin und dann vielleicht noch in der Schweiz. Diese sturmfreie Zeit war aber alles andere als Langweilig. Ich habe eine ganze Menge fantastischer Dinge gemacht. Erstmal hat es angefangen zu schneien und somit kam ich aus der Entzückung gar nicht mehr raus. Schnee! Und zwar richtiger Schnee! Nicht so Schneematsche wie in Dortmund.

Außerdem war ich auf einem tschechischen Ball und das war richtig super. Salesiani, eins meiner Projekt, hat einen Ball geschmissen und dort konnte ich natürlich nicht fehlen. Glücklicherweise hatte ich mein Abiballkleid eingepackt, sodass ich kein Klamottenproblem hatte, von wegen, woher ich noch so schnell ein schickes Kleid bekomme. Lukas habe ich überredet, mitzukommen und der Idiot hat mich ganz schön verarscht. Ich habe ihn gebeten, sich doch, irgendwo was schickes zu besorgen. Ich dachte mir, Lukas ist ja eine offene Person und kennt eine Menge Menschen hier, der wird schon irgendwo was finden. Leider war dies nicht der Fall und zudem hat er direkt am Anfang klargestellt, dass er keine Lust auf so ein „Auftoasten“ hat. Ich habe ihn also bekniet, sich doch wenigstens ein Hemd und ein paar schicke Schuhe zu besorgen. Ich hab uns echt schon auf dem Ball gesehen, ich im Kleidchen und er mit Baggypants und so herben HipHop Schuhen. Alptraum olé! Die Tschechen stehen nämlich auf schick anziehen und so. Ich bin dann also an diesem gewissen Ballabend mit Abiballkleidchen und Ballerinas durch den Schnee gestapft (einmal und nie wieder, sag ich da nur) und habe mir fest vorgenommen, mir die Kante zu geben, damit mir meine Hiphopperbegleitung nicht so peinlich ist. Als ich dann durchgefroren an der Bahnhaltestelle angekommen bin, um dort Lukas zu treffen, musste ich echt dreimal hingucken: Lukas komplett in Anzug mit allem Pipapo! Wow, sag ich da nur. Er sah echt gut aus – vor allem so krass anders. Aber ich war ganz stolz, jetzt konnten wir uns dort auch sehen lassen. Die Idee mit dem sich-die-Kante-geben, habe ich dann leider nicht wieder verworfen und so wurde es ein weinreicher Abend. Nach etwas zu viel Wein, wurde ich dann auch noch zum tanzen aufgefordert – das war für mich nur peinlich. Ich bin Milan nur auf den Füßen rumgetreten. Maunz – Walzer, da bin ich doch damals schon in der elendigen Tanzschule nicht durchgestiegen.. Der Abend war aber dennoch im großen und ganzen ein Erfolg.

Der einzige Nachteil, ich musste am nächsten Morgen um 4.30Uhr aufstehen. Um 6 Uhr fuhr nämlich mein Bus Richtung Sumava. Dort habe ich nämlich das Wochenende, zumindest von Samstag auf Sonntag verbracht, um Langlaufen mal auszuprobieren. Ich habe dort in so einem (Pfadfinder)Haus mit Beata, Michal und einigen Freunden von Michal verbracht. Das war echt super, obwohl ich leider zugeben muss, dass Langlaufen nicht mein Sport ist. Die Landschaft war zwar wirklich bezaubernd – alles weiß und unentwegt am schneien – aber dennoch war es ein wenig zu anstrengend und zu langweilig. Trotzdem eine super Erfahrung. Beizeiten werde ich auch mal versuchen, hier ein paar Fotos zu präsentieren. Also seid gespannt.

Das waren, glaube ich, meine zwei größten Abenteuer in letzter Zeit. Obwohl, wenn ich mich so recht entsinne, war das letzte Wochenende auch ein ganz großes Abenteuer.

 

Klara in Plzen: Einführung in die tschechische Kultur.

Dieses Wochenende hat mich Klara beehrt und es war ganz famos. Ich glaube, ich habe ihr die wichtigsten Sachen, der tschechischen Kultur näher gebracht – von Essen und Trinken, über Musik, bis zum Verhalten von tschechischen Supermarktangestellten. Klara hat echt alles mitgemacht und es war ein ganz großer Spaß. Wir waren ganz gechillt Teetrinken, in der vermutlich tollsten und gemütlichsten Cajhovna auf Erden, sind auf eine Jungleparty gelandet, haben mit diversen Tschechen in wohnzimmerähnlichen Kneipen gechillt und Unmengen an Medizinstudenten kennen gelernt. Ich hatte ganz ehrlich schon lange nicht mehr ein so lustiges Wochenende hier in Plzen. Ich glaube, wir kamen aus dem lachen kaum raus und es war so wunderschön, mal wieder eine meiner Liebsten um mich rum zu haben. Dank Klara, ihrer Liebe zum Fotosschießen und ihrer Digitalkamera habe ich jetzt auch ungefähr 500 Bilder, die nur darauf warten, hier präsentiert zu werden. Liebste Klara, danke noch mal für das fantastische Wochenende – du bist immer wieder willkommen. Die Essenseinladung steht ja noch. Das mit den Libellen überleg ich mir im übrigen auch noch..

Aber auch alle anderen, die noch überlegen, mich mit einem Besuch hier zu beehren – kommt nur vorbei! Könnt ja Klara fragen, die wird euch bestätigen, dass es sich lohnt und die Tschechen ein ganz amüsantes und liebenswertes Völkchen sind.

Ich freu mich auch schon auf meinen nächsten Besuch: Marisa und Ulli. Hui, das wird auch ganz großes Kino!

Bis dahin werden aber auch noch einige interessante Sachen passieren. Für das Wochenende wollte z.B. Lene vorbeikommen, außerdem kommen am Samstag zwei amerikanische Freiwillige für eine Woche, um die ich mich kümmern muss und Ende Februar gehe ich mit einigen Leuten von Salesiani Snowboard fahren. Ich befürchte nur, ohne Schnee – denn, ob man Ende Februar im Erzgebirge noch auf Schnee stoßen wird?! Fraglich ist es… Ansonsten wird’s halt leider ein Wanderurlaub. Ist zwar nicht ganz so fantastisch, aber ich freu mich trotzdem schon – das ist nämlich dann das erste Mal, dass ich irgendwo bin und nur Tschechen um mich rum sind, d.h. ich werde wohl oder übel zum Kommunizieren auf tschechisch gezwungen sein und das ist bestimmt gar nicht schlecht.

Dieses Wochenende hat auch Val (französischer Freiwilliger) Plzen mit einem Besuch beehrt. Boah – da war ich aber beeindruckt. Er ist jetzt auch seit September hier und spricht fließend Tschechisch. Ganz schön neidisch bin ich da geworden. Naja. Ich werds als Anstoß sehen, mich intensiver um mein Tschechisch zu kümmern.

So und jetzt chill ich grade auf meinem Bett und mir fällt auf, dass ich jetzt schon die vierte Seite schreibe. Es tut mir leid, aber es gab so viel zu berichten. Ich werd mich jetzt aber, glaube ich, doch mal dem Bett zuwenden. Das Wochenende mit Klara hat nicht so viel Schlaf gebracht und außerdem hab ich die (ehemalige?) Marisa-Krankheit. Ich fühl mich wie auf eine Fahrradstange gefallen und habe heute bestimmt schon fünf Liter Tee getrunken. Nicht so schön…

Also, werdet nicht müde vom vielen Lesen, genießt es - ich befürchte, so schnell schreibe ich nicht wieder.

Alles Liebe

Bis bald

Nora
13.2.07 10:23
 


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